Sagen- und Märchenbuch

 

Frau-Holle

Frau Holle wohnt in Triefenstein

So wird es jedenfalls hier erzählt.

Sagen und Märchenbuch

Sagen und Märchenbuch

Buch über Sagen und Märchen

Das illustrierte Buch mit 95 Seiten gibt Auskunft und berichtet „von Aufhockern, schönen Frauen und anderen Dämonen“ aus alten überlieferten Erzählungen. Auch Hintergrundinformationen zu Sagen und Märchen sind darin zu finden.

Sie können es im Rathaus der Gemeinde Triefenstein in Lengfurt für 8,-€ erwerben.


 

Finden Sie in diesem Bild Frau Holle?

Frau Holle

 


 

Das Reich der Frau Holle

Auszug aus dem Text:

Auf der Anhöhe gegenüber von Lengfurt am Main liegt das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift Triefenstein. Westlich davon, d.h. oberhalb des Gebäudekomplexes, führt der Mainwanderweg vorbei. Folgt man ihm mainaufwärts, gelangt man nach knapp einem Kilometer auf einen Bergsporn, der im Osten und Nordosten durch den Steilhang zum Main und im Süden durch eine Schlucht, den Klingelsbachgraben, gebildet wird. Auf diesem Bergsporn stand einst die sagenumwobene Neuenburg. Doch was sich einst als beeindruckende Befestigungsanlage mit Wehrgraben, Vorburg, Hauptburg usw. darbot, ist heute nur noch als Wall- und Grabensystem im Gelände sichtbar. Auch von dem einstigen Landschaftspark, der sich von Triefenstein bis hierher erstreckte, haben sich nur wenige Spuren erhalten. In früheren Zeiten konnte man in dieser Gegend mitunter der Frau Holle begegnen.


 

Was die Leute früher erzählten


 

Die schöne Frau auf der Neuenburg bei Triefenstein und der Holzhauer

In dem Wald, der sich vom Kloster Triefenstein bis nach Eichenfürst am Berghang längs des Mains hinzieht, besonders aber auf dem Platz , wo früher einmal das Raubschloß, die Neuenburg, gestanden hat, läßt sich von Zeit zu Zeit eine Frau von außerordentlicher Schönheit sehen. Gewöhnlich ist sie in ein weißes oder himmelblaues Gewand gekleidet und von einem sehr feinen Schleier umhüllt, der aber ihr Antlitz frei läßt. Wer absichtlich darauf aus ist, sie zu sehen, bekommt sie gewiß nicht zu Gesicht; oft aber ist sie schon armen, unglücklichen Leuten, Köhlern , Holzscblägern und Handwerksburschen erschienen und hat ihnen Wohltaten aller Art erzeigt. Einmal, da wurde in dem Wald dort Holz gehauen. Unter den Arbeitern befand sich ein Mann, der vielen Kummer im Herzen trug, weil er Frau und Kinder zu Hause auf dem Krankenbett wußte. Mittags setzte er sich deshalb etwas abseits in das Gebüsch, um hier bei traurigem Nachsinnen über seine Lage das kärgliche Brot zu verzehren. Da stand plötzlich – er wußte gar nicht, wie’s geschah – die schöne Frau vor ihm und fragte, ‚Warum bist Du so traurig?‘ ‚Ach‘, erwiderte der Arme, ‚ich muß wohl hetrübt sein; Frau und Kinder hab‘ ich krank zu Hause, aber von meinem spärlichen Lohn kann ich weder Doktor noch Apotheker bezahlen und weiß deswegen nicht mehr aus noch ein!‘ Da bückte sich die schöne Frau und pflückte eine Handvoll Rehlinge (eßbare Schwämme), die da wuchsen, schob sie dem Mann in die Tasche seines Wamses, das neben ihm lag, und sprach: ‚Heute Abend, wenn Du nach Hause kommst, sieh nach, was ich Dir gegeben habe, aber nicht früher.‘ Der Mann tat, wie ihm geheißen worden und fand abends in seinem Wams statt der gelben Rehlinge hellblinkende Goldstücke, womit er sich und seiner Familie helfen konnte.


 

Die schöne Frau und der Bauer

Vor alten Zeiten kamen einmal die Franzosen ins Land undplünderten alles aus. Dieses geschah auch in Altfeld. Hier befand sich ein Bauer, der gerade eine große Summe Geldes, die er jemanden schuldete, mit Mühe und Fleiß zusammengebracht hatte, um sie nächster Tage seinem Gläubiger heimzuzahlen. Allein die Franzosen fanden das Geld und nahmen es ihm, trotz Bitten und Flehen, vor seinen Augen weg. Voll Verzweiflung darüber rannte der Bauer hinaus aufs Feld, trieb, ohne einen Bissen zu sich zunehmen, sich Tag und Nacht da und dort herum und beschloß endlich, im Main seinem Leben ein Ende zu machen, weil er keine Möglichkeit vor sich sah, wie er seinem Gläubiger Wort halten könne. Als er mit diesem Gedanken bei der Neuenburg den Berg hinabstieg, stand auf einmal die schöne Frau vor ihm. ‚Wohin so schnell?‘ fragte sie ihn. Der Bauer erzählte offenherzig, welcher Kummer ihm auf dem Herzen lag. Da sagte die schöne Frau: ‚Geh heim, das Geld liegt wieder an seinem Platz!‘ Der Mann tat, wie ihm geheißen worden und fand sein Geld richtig bis auf den letzten Pfennig wieder, als ob es gar nicht angerührt worden wäre.


 

Die schöne Frau und die drei Handwerksburschen

Die merkwürdigste Geschichte aber, die man von der schönen Frau weiß, ist folgende:
Drei Handwerksburschen kamen einmal zur Mittagszeit nach Triefenstein, aßen da Suppe und Brot, das sie nach alter Sitte im Kloster erhielten und wanderten dann frohen Mutes weiter. Als sie nun oberhalb des Berges Richtung Altfeld gingen, kamen sie an die Stelle, wo man durchs Gehölz die Trümmer der Neuenburg sehen konnte. Neugierig gingen sie hinab und beschauten das alte, moosige Gemäuer, das die Klosterherren später völlig niederreißen ließen, um die Bausteine bei Vergrößerung ihres Klosters zu benützen . Da stand auf einmal die schöne Frau in all ihrer Pracht und Herrlichkeit vor ihnen und lächelte sie an . Die drei Gesellen gerieten über die plötzliche Erscheinung ganz in Bestürzung, zogen verdutzt ihre Hüte ab und murmelten, indem sie diese darhielten, in ihres Herzens Verlegenheit den alten Stromerspruch.

Wir sind unser zwanzig,
Reisen von Mainz nach
Danzig,
Ach seid doch
so gut
und schmeißt uns was in den Hut!

Da brach die schöne Frau von der Fichten, neben der sie stand, drei Zweige ab, legte jedem einen in den Hut und sprach: ‚Hebt diese Zweige gut auf, es sind Eure Glückszweige!‘ – Kaum waren die Worte gesprochen, als die Erscheinung auch schon verschwunden war. Da machten sich die Gesellen eilends aus den Trümmern fort und hielten im Laufen erst inne, als sie eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten. ‚Hört‘ , sagte der eine, ‚das muß eine Hexe gewesen sein; ich will nichts mit dem Zweig zu tun haben!‘ und warf ihn verächtlich weg. Ebenso tat der zweite. Der dritte aber sagte: ‚Für eine Hexe war die Frau zu schön. Ihr zu Ehren will ich den Zweig tragen!‘ Damit steckte er ihn an den Hut und die Gesellen zogen ihres Weges weiter nach Altfeld. Hier beschlossen sie zu fechten (=betteln) und um Herberge zu bitten. Doch der erste Bauer, den sie um eine Gabe ansprachen, fuhr sie derb an: ‚Was, Ihr wollt etwas von mir, die Ihr doch weil reicher seid, als ich? Trägt nicht dieser von Euch da einen goldenen Zweig auf dem Hut, der viele Tausende wett ist?‘- Da schauten die zwei Handwerksburschen, die ihre Zweige weggeworfen hatten, auf den Hute ihres Kameraden, und – o Wunder! – der Zweig darauf war aus purem Gold und die Knospen an der Spitze desselben funkelten wie rote Edelsteine. Der Jüngling, dem dieses Glück zuteil geworden, jauchzte laut auf. Vergnügt nahm er den Zweig von seinem Hut und steckte ihn sorgfältig zu sich. Dann eilte er erfreut nach Hause, um sich mit seinem Reichtum häuslich niederzulassen. Die beiden andern aber machten augenblicklich kehrt, und rannten wie besessen zu der Stelle, wo sie die Gabe der schönen Frau weggeworfen hatten. Aber alles Suchen danach war vergebens. Es kamen zwar, als die Nachricht von dieser Begebenheit sich verbreitete, Leute von nah und fern herbei, die ihnen beim Suchen halfen; umsonst wurde jeder Strauch, jede Scholle umher untersucht, die Glückszweige waren und blieben unsichtbar. Da redeten die Leute endlich den Handwerksburschen zu, ihren Weg weiter zu verfolgen und nicht die schöne Zeit unnütz zu vergeuden. Die erwiderten aber: ‚Wir müssen unsere Glückszweige haben, es mag Euch oder Gott lieb oder leid sein, und wenn wir bis zum jüngsten Tag danach suchen müßten!‘ Und weil sie sich mit diesen Worten versündigten, so geschah es auch so. Sie fanden keine Ruh‘ im Grab und noch heute sieht man sie manchmal bei Mondschein am Berg bei der Neuenburg umherwandeln. Ihre abgerissenen Gestalten gleichen nebligen Schatten, die keinen Schatten werfen. Erst der jüngste Tag gibt ihnen Ruhe. Ob sie aber dann den Glückszweig bekommen – wer weiß?“

(Herrlein, Adalbert von: Die Sagen des Spessarts, Aschaffenburg 1851)


 

Seltsames Birkenlaub

Eine arme Frau hat einmal an einem Herbsttag im Wald Laubgesammelt und es heimgetragen als Streu für ihre Geiß. Wie sie heimkommt, steht eine wunderschöne Fremde im Ställchen, die weint und schluchzt gar bitterlich und spricht. „Du hast mein Schlänglein mit deiner Streu heimgetragen, ach, bring es mir doch wieder in den Wald hinaus! “ Ehe sich die Frau fassen kann, ist die schöne Fremde verschwunden. Die Frau schüttet alsogleich die Streu aus und stort sie auseinander. Zutiefst im Laub findet sie wirklich ein Schlänglein, ein kleines, glattes, schillerndes Tierlein, das siebt sie mit gar bittenden Augen an. Also trägt sie es in ihrer Kötze in den Wald hinaus, dorthin, wo sie die Streu gesammelt,und stellet es sorglich ins Moos. Auf ihrem Heimweg findet sie unter einer Birke schöne Beerlein, stellt die Kötze auf den Boden und beginnt zu naschen. Wie sie so kniet und Beerlein pflückt, geht ein jäher Windstoß durch den Baum und rüttelt ihn, daß die Blätter ganz dicht niedertanzen. Erschrocken schaut sie auf Ringsum ist alles still; nur im Birkenbaum braust und rauscht es und die Blätter wirbeln immer dichter nieder. Da von überkommt sie Furcht: sie rafft ihre Kötze auf und läuft weg. Am Waldrand hält sie ein und verschnauft, tut sich dann noch altes Laub zusammen und geht heim. Und wiederum steht die schöne Fremde im Ställchen: „Ich hab dir reichen Lohn in die Kötze geschüttelt. “ Und wiederum entschwindet sie, ehe die Frau sich versieht. Die Frau leert die Kötze über den Streuhaufen aus; doch sieht sie nichts als das dürre Laub, das sie eingesammelt hat, und die gelben Birkenblätter darunter, die der seltsame Wind vom Baum gerüttelt hat – wo ist da schon ein Lohn, ein reicher Lohn, ein köstlicher Schatz? Mißmutig geht sie an die Arbeit, füttert die Geiß, melkt sie, macht das Ställchen sauber. Dann streut sie eine Gabel voll Laub ein, Wie die Blätter niederfallen, klingen sie so hell; seit wann macht Laubstreu Glockenmusik? Rasch bückt sie sich nieder und schaut und sucht, und befühlt die Streu – da sind die Birkenblätter Gold, und wie sie den Streuhaufen durchwühlt, findet sie auch dort alles birkene Laub zu Gold verwandelt, zu echtem, schwerem, klingendem Gold.

(Nuber, Heinrich: Sagen aus der Marktheidenfelder Gegend. In: Spessart 1111953).


 

Sagen haben doch recht

Im Sommer 1989 bestätigten Ausgrabungen durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege“ die Existenz der Neuenburg bei Triefenstein, die bis dahin zwar durch mehrere Sagen bekannt war, historisch aber nur vage und faktisch niemals nachgewiesen werden konnte. Die archäologischen Untersuchungen brachten zutage , daß es sich um eine Burganlage aus dem 12. bzw. 13. Jahrhundert handelt, die – davon künden die im Grabungsprofil entdeckten Brandschichten – von einer Feuersbrunst zerstört worden sein muß. Darüberhinaus ließen sich auch Spuren einer vorchristlichen (ca. 700-450 v.Chr.) sowie einer frühmittelalterlichen, befestigten Ansiedlung nachweisen.

Mag dieser Platz heute auch still und abgelegen erscheinen – in früheren Zeiten war er ein Verkehrsknotenpunkt mit strategisch äußerst reizvoller Bedeutung . Die Inhaber der Neuenburg konnten von ihrem Bergsporn aus die vorbeiführende „Via publica“ (sozusagen die mittelalterliche Version der A3 durch den Spessart) einschließlich deren Mainübergang bei Triefenstein/Lengfurt sowie den Verkehr auf dem Fluß bequem beobachten bzw. kontrollieren


 

Raubritter-Schicksal

Bis um das Jahr 1400 herum (um diese Zeit muß sie laut archäologischen Befunden aufgelassen worden sein) war die Neuenburg Sitz der Herren von Reinstein, die als Ministerialen des Hochstifts Würzburg für Schutz und Sicherheit dessen Territoriums in dieser exponierten Grenzregion Sorge zu tragen hatten. Doch auch damals funktionierte der lange Arm der Obrigkeit nicht immer so, wie der Kopf es wollte. Zu Zeiten nämlich, da die Ritter allerorten im Lande frech geworden und die Obrigkeit dies gewohnheitsgemäß mit dem Schleifen ihrer zugigen Bergfestungen ahndete, erdreisteten sich die Ritter auf der Neuenburg zusammen mit ihren Kollegen von der Ravensburg bei Thüngersheim und der Burg Falkenberg bei Erlach, ein Mordkomplott gegen den Würzburger Bischof Konrad von Querfurt anzuzetteln und auch auszuführen – so geschehen im Jahre 1202. Die Antwort kam prompt, denn wie in der Würzburger Bischofschronik von Lorenz Fries zulesen ist, sind „darumb auch das hofgesind und die burgere zu Wirtzburg mit werendet hand für das schlos Rabensburg getzogen, das mit gewalt eingenommen, geplundert vnd in grund zerrissen vnd verderbt, dergleichen haben si dem schlos Neuenburge gnant, nit fer von Trieffenstein gelegen, welchs dem von rabensburg zugestanden, vnd dan dem sitze Falckenberg, dem obgenanten Hainrichen Hunden zustendig, auch gethan.“

In Anbetracht ihres angekratzten Images legte sich die verbleibende Sippe der Ravensburger einen neuen Namen – nämlich Reinstein – zu, bevor sie sich daran machte (freilich erst als ziemlich Gras über die Sache gewachsen war), ihre bezinnte Heimstatt wieder aufzubauen. So jedenfalls erklärt sich Chronist Fries den Besitzerwechsel nach dem Bau der neuen Neuenburg und zieht seine Schlußfolgerung aus der Wappengleichheit beider Geschlechter. Historisch verbürgt ist hingegen, daß sich die Ravensburger und ihre Mördergenossen alsbald soweit rehabilitiert hatten, daß ihnen von Hochstifts Gnaden ihre Ämter und Besitzungen wieder zuerkannt wurden, und daß die Herren von Reinstein nach dem letzten Atemzug des letzten männlichen Sprosses derer von Ravensburg dessen Erbnachfolge antraten. Das Dunkel in der Geschichte der Neuenburg und ihrer Bewohner weiter zu erhellen, wird die vergnügliche Arbeit der Historiker sein, die aufgrund der vorliegenden Befunde an schriftlichem und nun auch archäologischem Quellenmaterial einige neue Erkenntnisse zur mainfränkischen Landesgeschichte erwarten lassen darf.


 

Frau Holle in Deutschland

Frau Holle ist aufgrund des gleichnamigen Märchens der Brüder Grimm wohl eine der bekanntesten mythischen Gestalten überhaupt. Auch als Frau Hulle , Holda , Hulda oder Hullefrau tummelt sie sich vorwiegend in den Sagen aus Hessen , Thüringen und Unterfranken, während andernorts auch Name n wie Frau Gode, Frau Harke, Frau Luzia und viele andere gebräuchlich sind, bzw. eine andere mythische Gestalt, die Funktionen der Frau Holle übernimmt. So kennt man in Ober- und Mittelfranken, A1tbayern und Österreich die Bercht (oder Percht , Eisenberta. Berchra u.a.). Ein früher Beleg für die Existenz Frau Holles findet sich bei Burchard von Worms (um 960-1025) , der den Namen der altitalischen Göttin Diana mit Holle bzw. Holda übersetzte. In mehreren mittelhochdeutschen Texten um das Jahr 1200 erscheint das Wort Holde/Holle als Synonym für Geist bzw. Dämon. Im Laufe des Christianisierungsprozesses wurde dann aus der antiken Göttin des Waldes und der Jagd eine Dämonin, Nachtfrau und Hexe.


 

Frau Holle im Spessart

In den Triefensteiner Sagen tritt Frau Holle stets als Wohltäterin auf, und sie ist es auch, die an des Wilderers Hasenstab Wiege singt. Doch tatsächlich zeichnet sich das Frau-Holle-Bild in der Volksüberlieferung durch ambivalente Charakterzüge und Erscheinungsformen aus; es reicht von der guten Fee bis hin zur Angst und Schrecken verbreitenden Rachegestalt; von der schönen weißen oder lichtumstrahlten Frau bis hin zum hässlichen alten Weib. Dem Volksglauben nach wohnt Frau Holle in Brunnen, Seen, in Bergen, Höhlen oder aber unter Bäumen, die nach vorchristlichen Glaubensvorstellungen als Sitz von Geistern und Göttern galten. In der Nähe von Wertheim, in der Gemarkung von Höhefeld, soll sogar einst ein „Frauen Hullen Baum“ gestanden haben, wie der Wertheimer Archivar und Sagenforscher Alexander Kaufmann in einem Protokoll von 1749 und in alten Karten verzeichnet fand“ Es handelt sich hier um Bäume (die auch aus anderen Gegenden im deutschsprachigen Raum bekannt sind), die einst als eine Art Grenzmarkierung dienten. In den zwölf heiligen Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig, den sog. Rauhnächten, zieht Frau Holle mit ihrem Gefolge umher, um die Frevler und Faulen zu bestrafen. Sie tritt aber auch als Vegetationsdämon auf, der den Feldern Fruchtbarkeit bringt, über Arbeitstabus wacht (Feiertage) und generell eng mit der Frauenarbeit und bäuerlichen Arbeitswelt verbunden ist. Oder aber sie ist ein Schutzdämon der Quellen und Seen im Walde.


 

Gute Fee und strafende Alte

Zentrum für die Spessarter Frau-Holle-Sagen ist Hasloch am Main, wo der Wertheimer Lehrer und Zeichner Andrea s Fries (1811-1890) frühzeitig als Sagensammler unterwegs war.“ Sie wohnt dort im Unteren Berg. Am Fuße dieses Berges, am Mainufer, lag früh er ein flacher Felsen, genannt der. Frau Hullstein“, weil zwei Vertiefungen darin von den Abdrücken ihrer Kötze (Rückentragekorb) herrühren sollten, wenn sie diese beim Ausruhen neben sich stellte. Leider wurde dieses Beweisstück in den 30er oder 40er Jahren wegen Anlegung eines Tankhafens weggesprengt.“

Frau Holle trägt in den Sagen meist ein langes, weißes Gewand mit einem Schleier, der am Rücken hinab hängt. Manchmal aber auch ganz das Gesicht verhüllt“. Sie hilft den fleißigen Mädchen und Frauen bei der Hausarbeit, leuchtet nachts den Verirrten ohne Laterne, den „wo sie geht und steht, ist es glockenhell …“. Doch treibt sie auch bösen Scherz mit denjenigen, die ihre Gebote missachten oder ihre Hilfe abweisen bzw. faul sind. Besonders ungehalten zeigt sie sich, wenn der Spinnrocken Samstagabends nicht völlig abgesponnen ist. Dann kommt sie und verwirrt nachts Rokken und Garn. Faule Mägde, die über Weihnachten ihren Rocken stehen lassen, haben das ganze Jahr nur Unglück, besonders verwirrt sich ihnen das Garn. Alten schwachen Frauen ist sie vor allem geneigt. Bei Urphar, wo sie „die gute Fraa“ oder die Fey“ genannt wurde , schwebt sie an der großen Mainbiegung über den Fluss und warnt die Schiffer vor Gefahr. Manchmal reitet sie auf einem Schimmel, dessen Sattel und Zaumzeug silberne Röllchen und Glöckchen tragen und ein wunderschönes Geläute geben, oder sie fährt in einem goldenen, bekränzten Wagen.

Im gesamten Spessart kannte man Frau Holle auch als .Hullefraache“, die den Kindern am Weihnachtsabend Hutzeln (gedörrte Birnen) , Äpfel und Nüsse brachte . Bei dieser Gelegenheit trat sie als kleine , alte Frau mit weißer Haube auf.


 

Erinnerungen an Frau Holle

Außer in angestaubten Sagen begegnet uns Frau Holle heute nur noch selten . Flurnamen wie Hollegrund (Schweinheim), Zur Frau Holle (Haibach), Hollerwiesen oder Holleracker (Laufach z.B.) weisen auf etwaige einstige Tummelplätze hin und ein alter Kinderreim aus Rück zeugt von der großen Popularität, die diese Sagengestalt im Spessart genoss: „Frau Hulle hat mir ein Dippchen geben, darin kann ich kochen , Sauerkraut und Knochen .“


Quelle:
Von Aufhockern, schönen Frauen und anderen Dämonen, Spessartsagen auf der Spur
Barbara Grimm, Rüdiger Kuhn, Herausgeber: Wolfgang Weismantel,
Verlag: Könighausen & Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-82601148-1